Donnerstag, 13. Juni 2013

Der Schrecken verliert sich vor Ort – Monika Held


Gebundene Ausgabe, Roman



Für die Rezension dieses Buches möchte ich etwas weiter ausholen. Auch, weil meine Gedanken Zeit brauchen.

Als ich ‚Der Schrecken verliert sich vor Ort’ bestellt habe, war ich der Ansicht, es handele sich um einen Thriller, was einfach daran liegt, dass ich von der Inhaltsangabe nur den ersten Satz gelesen habe. Und zugegebenermaßen ist der Titel auch ein wenig irreführend. Dann lag das Buch in meinen Händen und ich begann zu lesen und dachte ‚was ist das denn, komischer Stil, komische Interpunktion, seltsam’. Bis das Wort fiel, dass mich begreifen ließ, was ich da gerade las.
Und dann ergab der Stil auch einen Sinn, denn er tastet sich, genau wie die Autorin und der Leser, an ein Thema heran, dass voller Schrecken und menschlicher Abgründe ist.

Ich konnte dieses Buch nur in gewissen Abschnitten ertragen und musste dann gleich zu anderer Literatur greifen, und auch jetzt nach dem Ende fällt es mir sehr schwer, einzelne Eindrücke in Worte umzuwandeln.

Wir Alle kennen wohl Bilder und Geschichten, Statistiken und Listen oder sogar ‚Augenzeugenberichte’, die davon handeln, was zwischen 1933 und 1945 in Deutschland bzw. Europa geschah. Wir Alle haben vielleicht Dokumentationen gesehen oder gelesen und so mancher kennt Geschichten von nahen Angehörigen.
Aber, und das hat mich bislang oft irritiert, mir persönlich haftet dem Ganzen eine Aura des Unvorstellbaren an, dass mich zwar erschrecken lässt, aber doch im gleichen Moment etwas Unwirkliches heraufbeschwört. Ich habe es nicht erlebt. Ich kann es nicht nachvollziehen. Ich kann es nicht verstehen.

Und ‚Der Schrecken verliert sich vor Ort’ erklärt mir endlich, dass das ganz normal ist. Dafür bin ich dankbar.
Gleichzeitig allerdings hat mich genau dieses Buch durch die Art und Weise, wie die Geschichte von Heiner erzählt wird, mehr berührt als alles andere zuvor. Die Fakten stehen fest, aber es ist das Schicksal, das zählt. Eine Person, die eigentlich grau bleibt, und ihre Freunde erzählen ihre Geschichte, versuchen, Lena teilhaben zu lassen, und kommen damit beim Leser, jedenfalls bei mir, an.

Jetzt weiß ich auch, warum mich Thriller nur sehr eingeschränkt schockieren – es ist Fiktion. Lass es blutig sein, mir doch egal, schockier mich, zeig mir neue Arten des Wahnsinns, es ist und bleibt Fiktion. Schockierend kann nur die Realität sein. Mitgefühl gibt es nur bei persönlicher Betroffenheit. Und dazu reicht es nicht mehr, ein weinendes Kind im TV zu sehen. Wir sind so gesättigt, so überwältigt von der alltäglichen Grausamkeit, dass sich Fatalismus und Zynismus über das Mitleid legt.

In ‚Der Schrecken verliert sich vor Ort’ sind die Protagonisten oft zynisch, sie lachen an Stellen, bei denen ich erst auch lachen wollte, es mir dann aber verkniff. Und die Poesie der einfachen Sätze (in keinster Weise abwertend), der fehlenden Interpunktion bei wörtlicher Rede, der Purismus, die fehlenden Informationen zum alltäglichen Leben machen dieses Buch rund.

Und als wäre ich gerade einem schrecklichen Gräuel entkommen, fühle ich mich lebendig.

Fazit?
Vielen Dank, Monika Held, für dieses Buch.

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