Montag, 27. Juli 2015

Gehe hin, stelle einen Wächter - Harper Lee



mp3 CD, ungekürzt, Roman, gelesen von Nina Hoss



Es ist ein unglaubliches Gefühl, ein Buch zu lesen, das vor sechzig Jahren geschrieben und erst jetzt veröffentlicht wurde. Unglaublich auch deshalb, weil es auf der einen Seite wunderbar zeitlos ist, auf der anderen so erhellend und modern.
Das muss ich wohl näher erklären und es fällt mir dabei schwer, nichts von der eigentlichen Handlung zu verraten. Denn im Grunde möchte ich eine große Erkenntnis hinausschreien, aber nein, ich halte mich zurück.

Harper Lee hat vor 60 Jahren den Klassiker 'Wer die Nachtigall stört' geschrieben, ein Buch, das mich stark beeindruckt hat und das mit seinem Protagonisten Atticus Finch einen Helden erschaffen hat.
Kurz danach schrieb sie 'Gehe hin, stelle einen Wächter', doch das Manuskript blieb in der sprichwörtlichen Schublade, warum auch immer - nun ja, ich kann mir inzwischen denken warum. Ersteinmal war damals die Zeit noch nicht reif für diese Fortsetzung. Und zum anderen könnte ich mir vorstellen, dass die Fans von 'Wer die Nachtigall stört' einfach auf die Barrikaden gegangen wären. Ich jedenfalls war stellenweise sprachlos vor Entsetzen und Erstaunen - und gleichzeitig stolz auf Harper Lee. Darf man das sein auf eine Frau, die man nicht kennt? Was diese Frau 'damals' zu Papier brachte, ist so unendlich mutig und klug, so zeitlos richtig und wichtig. In den 1960er hätte es vielleicht nützlich sein können, dieses Buch schon gehabt zu haben, aber es hätte auch rund 50 Jahre amerikanische Kultur null und nichtig gemacht, wenigstens einen kleinen Teil davon.

Alles hat seine Zeit, dieses Buch kommt 2015 vielleicht für einiges zu spät, für anderes aber genau richtig. Und vielleicht braucht es auch den Abstand zu histrorischen Ereignissen, um ein literarisches Werk als Zeugnis und las zeitlos zu erkennen.

Wer das Buch nicht kennt, wird übrigens gut über den Titel stolpern, wer es kennt, wird es verstehen und als das erkennen, was es ist: eine Aufforderung!
Weggehen, wegschauen ist einfach. Bleiben und beobachten ist schwer aber wichtig. Und hier findet sich auch der Bezug zu Aktuellem. Dort, wo Kameras sind, wo Videos um die Welt gehen, geschieht zwar nicht weniger Schreckliches, aber es bleibt nicht im Verborgenen, es kann be- und verurteilt werden. Und die Unwissenheit der Massen ist nicht länger der Nährboden, auf dem Böses gedeihen kann. Ich finde das gut.

Nina Hoss liest gut, ohne aufdringlich zu sein. Denn 'Gehe hin, stelle einen Wächter' braucht kein Schauspiel, es ist auch ohne Drama dramatisch.

Fazit?
Eines der besten und wichtigsten Bücher, die ich je gelesen beziehungsweise gehört habe. Und man muss 'Wer die Nachtigall stört' nicht unbedingt kennen.

'Gehe hin, stelle einen Wächter' ist im Hörverlag erschienen.

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